«Wir werden erst gehört, wenn die Leute einen Schwanz dahinter vermuten.» Das hat nicht Franziska Schutzbach gesagt, aber es ist eines ihrer liebsten Zitate. Die Autorin Siri Hustvedt legt es so ähnlich in «Die gleissende Welt» einer Künstlerin in den Mund, deren Werk erst gefeiert wird, als sie sich als Mann ausgibt. Eine realistische Fiktion.

Franziska Schutzbach hat die Probe aufs Exempel gemacht, indem sie auf Facebook eigene Zitate mit einem männlichen Namen firmierte. «Ich bekam im Nu 30 Likes.» Wenn sie dasselbe Zitat anderswo oder später unter eigenem Namen publizierte: «2,3 Likes.» Sie zuckt mit den Schultern. Erstaunen tut sie das nicht.

Das war vor ein paar Jahren. Inzwischen bekommt Franziska Schutzbach auch als Franziska Schutzbach schnell mal 30 Likes und mehr. Inzwischen ist Franziska Schutzbach ein Name. Plötzlich ergeht es ihr so, wie es Männern öfter und schneller ergeht: Sie wird als Expertin anerkannt, eingeladen, angehört. Sie war im «Club» auf SRF, im «Tages-Anzeiger», auf dem Stadthaus-Podium. Sie kann als Geschlechterforscherin öffentlich darlegen, wo sie «Macht-Asymmetrie» ausmacht, Sexismus, Diskriminierung, strukturelle Benachteiligung, Ausbeutung.

Initiantin #SchweizerAufschrei

Franziska Schutzbach engagiert sich seit vielen Jahren für Gleichberechtigung und Diversität. Unzählige Artikel, journalistische und wissenschaftliche, hat sie schon über Geschlechterthemen geschrieben. Seit 2011 forscht und lehrt sie am Zentrum Gender Studies der Uni Basel. Ihre jüngste Publikation heisst «Der Heidi-Komplex».

Doch den unverhofften Durchbruch, zumal was die mediale Aufmerksamkeit betrifft, brachte ihr diesen Herbst der Hashtag Schweizer Aufschrei, deren Hauptinitiantin sie ist. Auf Twitter hat sie mit einer eigenen Erfahrung von sexueller Belästigung den Anfang gemacht: «Langsam Zeit für einen Schweizer Aufschrei: Der Typ, der mich als 14-Jährige im Wald verfolgte und mir an die Brüste griff». Hunderte von Frauen twitterten darauf, was ihnen geschah. Und plötzlich wurde anschaulich, was statistisch belegt ist: Fast jede Frau, auch in der Schweiz, ist schon des Öfteren belästigt worden – verbal oder physisch.

«39,4 Prozent, also zwei von fünf Frauen in der Schweiz, werden mindestens einmal in ihrem Leben Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt. 5,6 Prozent der Frauen werden mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt.» Diese Zahlen hat Franziska Schutzbach Anfang Monat an die Öffentlichkeit gebracht. Und zwar, einmal mehr, unter dem Pseudonym eines Mannes, als Constantin Seibt, online im täuschend echten Tagi-Layout. «Gewalt gegen Frauen beenden», liess sie den bekannten Journalisten titeln. Ein Fake-Artikel für einen guten Zweck. 1300 Personen riefen ihn auf. Ein paar Stunden später bekannten sie und der Feminist Dimitri Rougy sich dazu. Seibt reagierte souverän: «Ich wäre stolz gewesen, das geschrieben zu haben.»

Ernsthafte Anliegen kombiniert mit Spass am Schabernack, das kriegt Franziska Schutzbach immer wieder hin. Und sie ist immer wieder bereit, sich für die Sache persönlich zu exponieren. Manchmal gerät der Ton aber auch belehrend, moralisch. «Vor allem Männer müssen das endlich begreifen», so endet der falsche Seibt-Artikel. Ist es nicht schade, Männer abzuschrecken, anstatt sie für feministische Anliegen mit ins Boot zu holen? Sie wolle es so sagen, wie sie es für richtig halte, sagt sie. Nicht anders, nur um es anderen recht zu machen. Darum betreibe sie auch ihren eigenen Blog. Und erfahrungsgemäss sei «der Ton egal, denn Kritik wird sowieso nicht gern gehört».

Seit neustem wird Franziska Schutzbach auch immer öfter als Expertin für den Umgang mit Anfeindungen im Internet befragt. Sogenannte Maskulinisten hetzen gegen sie. «Ein antidemokratischer Rückschlag» sei diese Hasskultur im Netz. Im besten Fall reagiert sie nicht darauf. Oder mit Ironie: «Frustrierte Emanze. Männerhassend. Elitär. usw.» betitelte sie letzthin ein Foto von sich mit schattigem Blick, im Mund eine nach unten hängende Zigarette.

Mutter und Akademikerin

Als die 37-Jährige mit 22 ihr erstes Kind bekam, war sie überzeugt, dass es nur bei der Mutter gut aufgehoben sei. Eine Fremdbetreuung kam die ersten Jahre nicht infrage. «So bin ich im Bieler Seeland sozialisiert worden.» Dann begann sie in Basel, später in Berlin zu studieren und stellte fest: «Junge Mutter, alleinerziehend, will akademische Laufbahn machen – so was ist nicht vorgesehen.»

Im Studium stiess sie zum ersten Mal auf die Theorien Judith Butlers und Michel Foucaults. Darauf, dass Geschlecht auch ein soziales Konstrukt sei, dass man einen Spielraum habe, zu werden, wer man will. «Als naives Schweizer Mädchen dachte ich zuerst: wie bitte?», erzählt Franziska Schutzbach: «Was ich bis dahin für unveränderliche, naturgegebene Grundkonzepte gehalten hatte, wurde plötzlich hinterfragbar.» Das habe sie «im tiefsten Inneren erschüttert und verunsichert». Und letztlich befreit: Sie habe viele Konzepte und Kategorisierungen über Bord geworfen. Denn: «Wie wir leben, ist historisch entstanden, hat viel mit Machtstrukturen zu tun. Es könnte alles anders sein, und das ist gut zu wissen.»

Die Theorie gab ihr die Freiheit, Sachen neu zu denken. Und aus der Theorie folgt die Praxis, untrennbar, davon ist sie überzeugt. «Denken ist Handeln für mich.» Sprache ist Handeln. «Mit Worten kann man viel ändern, Denkweisen herausfordern.»

Mit ihrem Partner und den Kindern lebt Franziska Schutzbach wieder in Biel. Vor neun Jahren hat sie ihr zweites Kind bekommen, eine Tochter. Es sei unschön, zu wissen, dass ihre Tochter es möglicherweise trotz mehr Fleiss und Disziplin, trotz besseren Noten in der Schule später im Beruf schwerer haben werde als ihr Sohn. Der Kampf um Gleichberechtigung sei nie zu Ende.