Kaum ein Tag vergeht im Rheinfelder Thermalbad Sole Uno, an dem die Badmeister nicht gerufen werden, weil sich zwei Gäste zu nahe kommen.

Doch an diesem Freitagmorgen im Mai vor zwei Jahren finden sie am Beckenrand kein junges Liebespaar vor, sondern eine behinderte Frau, die auf dem Schoss eines doppelt so alten Mannes sitzt.

Er ist der Betreuer der Frau, wie sich später zeigen wird. Nun musste dieser sich vor dem Bezirksgericht Rheinfelden verantworten – die Anklage gegen ihn lautete auf Schändung.

Aufgefallen ist der inzwischen pensionierte Sozialpädagoge den beiden Badmeistern, die am Prozess als Zeugen aussagten. Sie beobachteten dort Küsse auf den Mund, Streicheln über die Haare, eine unübliche Nähe.

Einer sagte: «Das Verhalten der beiden war sehr auffällig. Sie sorgten für Aufsehen bei den Badegästen, liessen sich von deren Anwesenheit aber nicht stören.» In der Anklageschrift heisst es dazu: «Der Beschuldigte suchte und tauschte ungeniert den körperlichen Kontakt mit seiner Begleiterin aus.»

Was passierte in der Kabine?

Nach dem Bad verschwanden die beiden in der Umkleidekabine für Menschen mit Behinderung. Eine volle Stunde – so zeigen es die Videoaufnahmen – verging, bis der Betreuer und die Frau umgezogen wieder rauskamen.

Das sei aussergewöhnlich lange, waren sich alle befragten Zeugen einig. Das Umziehen einer behinderten Person daure normalerweise 20 bis 30 Minuten, sicher nicht eine ganze Stunde, sagten sowohl Mutter als auch Heimleiterin vor Gericht aus.

Was in der Zwischenzeit passierte, lässt sich nur ansatzweise rekonstruieren. Der Angeklagte verweigerte auch vor Gericht die Aussage. Die körperlich und geistig behinderte Frau sagte bei der Befragung aus, der Angeklagte habe sie geküsst und sie hätten sich gegenseitig im Intimbereich angefasst.

«Rein sexuell motiviert»

Die Staatsanwältin sprach von einem «wehrlosen Opfer». Die Frau sei aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses nicht in der Lage gewesen, sich zu wehren.

Aus Angst, den Zugang zum abwechslungsreichen Freizeitprogramm zu verlieren, habe sie sich nicht getraut, ihrem Betreuer zu widersprechen. «Er hat ihre Abhängigkeit schamlos ausgenutzt. Seine Übergriffe waren rein sexuell motiviert, eine Liebesbeziehung hat nicht bestanden.»

Die Staatsanwältin forderte deshalb einen Schuldspruch wegen Schändung und eine bedingte zweijährige Freiheitsstrafe mit gleich langer Probezeit. Dazu eine Busse von 5000 Franken – als «Denkzettel», wie die Staatsanwältin sagte.

Auf Freispruch hingegen plädierte der Verteidiger. Nachweisen liessen sich dem Angeklagten nur die Küsse, doch das sei keine Schändung. Er habe sich wohl «nichts Böses dabei gedacht», sonst hätte er die Behinderte kaum in einem öffentlichen Bad geküsst und damit Aufmerksamkeit erregt.

«Als Berufsmann hat er Grenzen überschritten, strafrechtlich relevant ist sein Verhalten aber nicht», sagte der Verteidiger. Der lange Aufenthalt in der Umkleidekabine möge zwar Fantasien wecken, doch dafür könne sein Mandant nicht bestraft werden. Die fristlose Kündigung durch seinen Arbeitgeber sei «Denkzettel» genug gewesen.

Auf die Frage, welche Folgen eine Verurteilung für ihn hätte, sagte der Angeklagte: «Das würde meine ganze bisherige Tätigkeit infrage stellen.» Der verheiratete Familienvater arbeitete während 40 Jahren in verschiedenen sozialen Institutionen – bis auf die fristlose Kündigung die vorzeitige Pensionierung folgte.

Wie er sich über so viele Jahre für die Arbeit mit Behinderten motivieren konnte, wollte die Gerichtspräsidentin wissen. Der Betreuer überlegte, zögerte, antwortete nach einer Pause: «Meine Motivation war es, mit diesen Menschen etwas zu erreichen.»

Engagiert und beliebt

Seine ehemalige Vorgesetzte, die Leiterin eines Nordwestschweizer Wohnheims, stellt dem Mann vor Gericht ein gutes Zeugnis aus: Der Angeklagte habe sehr grosses Engagement gezeigt, regelmässig Ausflüge für die Bewohner organisiert. «Weil er ihnen sehr viel geboten hat, war er beliebt.» Der Anruf des Sole-Uno-Geschäftsführers, der ihr vom Vorfall berichtete, habe sie deshalb «sehr erschüttert». Kündigung und Strafanzeige folgten kurz darauf.

Der nicht vorbestrafte Angeklagte hatte während mehr als zehn Jahren in der Institution gearbeitet. In dieser Zeit sei es nie zu einem ähnlichen Vorfall gekommen, sagte seine ehemalige Chefin. Aufgefallen sei ihr einzig, dass der angeklagte Betreuer mit der betreffenden Bewohnerin besonders gerne Ausflüge unternommen hat. Durch das abwechslungsreiche Angebot an Aktivitäten habe sicher eine spezielle Abhängigkeit zu ihm bestanden.

Das bestätigt auch die Mutter, die ebenfalls als Zeugin vor Bezirksgericht aussagte: Ihre Tochter habe den Angeklagten lieber gehabt als die anderen Betreuer. Über Jahre hinweg habe er sie betreut und immer wieder auf Ausflüge begleitet. Was im Bad passierte, sei «ein Vertrauensbruch, den ich nie erwartet hätte», sagte die Mutter. Sie sei «sehr betroffen und gewaltig enttäuscht».

Ihren Aussagen lauschte der Angeklagte zeitweise mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen. Nach seinen letzten Worten gefragt, antwortete er: «Ich hoffe auf ein objektives und faires Verfahren.»

Bis zum Urteil musste er sich allerdings gedulden; es wurde schriftlich eröffnet: ein Freispruch. Das Gericht begründet den Entscheid nur gegenüber der Staatsanwaltschaft. Dort heisst es auf Anfrage: Man werde die Begründung des Entscheids nun studieren und prüfen, ob innert der zehntägigen Frist Berufung gegen dieses Urteil eingereicht werde oder nicht.